Mit den texten in der startseite und in der seite "vorstellung" hoffe ich bewiesen zu haben, dass ich mit den regeln der deutschen gross- und kleinschreibung vertraut bin. Das ist natürlich nicht unwesentlich, wenn ich mich Ihnen als nachhilfelehrer empfehlen will. Denn solange im deutschen die grossschreibung gilt, werden wir wohl oder übel die schüler weiter mit diesen widersprüchlichen regeln plagen müssen.

Diese plage könnte jedoch um einiges vergnüglicher und entspannter werden, wenn sie im wissen um die gültige grossschreibung als reine konvention und nicht als göttliches prinzip mit himmel und hölle als belohnung gepflegt wird.

Anstoss für den übergang zur kleinschreibung

Am samstag, 16. september 2006, feierte die kantonsschule am burggraben in St. Gallen auf festliche und originelle weise ihr 150jähriges bestehen. Neben den üblichen festansprachen fanden in den fachschaften auch etliche originelle lehrvorträge statt. Für die germanisten sprach prof. dr. Mario Andreotti zum thema: "Zur geschichte der deutschen rechtschreibung: von den schreibvarianten zur schreibregelung". Dr. Andreotti schilderte mit amüsanten anekdoten das trauerspiel um die vergeblichen versuche, auch im deutschen endlich die "gemässigte kleinschreibung" einzuführen.

Auch mit der letzten grossen rechtschreibreform am ende des 20. jahrhunderts wären die germanisten bereit gewesen, den übergang zur kleinschreibung zu vollziehen, hätten ihnen nicht die kultusminister dreingeredet. Was dann folgte, war das bekannte durcheinander mit den vielen schreibvarianten und - für viele ein besonderes ärgernis - der vermehrung statt einer verminderung der gross geschriebenen wörter.

Unfähigkeit zur reform

Der letzte grosse reformversuch hat es wieder einmal deutlich bewiesen: die deutsche sprachgemeinschaft mit den drei ländern Deutschland, Österreich und Schweiz, je wieder aufgeteilt in bundesländer und kantone mit je eigenen hoheitlichen ansprüchen, ist so kompliziert strukturiert, dass sie für eine grössere sprachreform beschlussunfähig ist. Der einzige erfolgversprechende weg scheint der scheinbar schwächste zu sein: die alltägliche praxis der schreibenden selbst.

Das schreiben den schreibern und das lesen den lesern erleichtern!

Eine stets wachsende zahl vorwiegend jüngerer internetnutzer bedient sich der kleinschreibung. So bahnt sich allmählich - vielleicht sogar schneller als wir zu hoffen wagen - die kleinschreibung von selbst und ohne einfluss der politik ihren weg in die allgemeine praxis der schreibenden.

Dass diese spontane reform über das ziel hinausschiessen könnte, weil sich viele an überhaupt keine regeln mehr halten und einfach alles, auch satzanfänge, höflichkeitspronomina und eigennamen klein schreiben, glaube ich nicht. Es wird beim schreiben immer, auch nach einer spontan ablaufenden reform, darum gehen, auch dem leser das lesen zu erleichtern, nicht nur das schreiben dem schreibenden. Wer als schreiber diesem grundsatz keine beachtung schenkt, wird es schwer haben, in der flut der druckerzeugnisse beachtet zu werden.

Dazu nur ein beispiel: die grossschreibung der höflichkeitspronomina. Jeder hat die erfahrung gemacht, dass man einen satz mehrmals lesen muss, wenn "Sie" oder "Ihr" in der Höflichkeitsform klein geschrieben werden, weil sie kleingeschrieben einen anderen sinn bekommen (weil dieses problem beim vertrauteren "du"/"dein" nicht existiert, sollten die persönlichen anredepronomina klein geschrieben werden).

Es ist ganz einfach ökonomischer, wenn der schreiber sich die mühe nimmt, diese pronomina mit korrekter gross- oder kleinschreibung zu differenzieren, als wenn dutzende, hunderte oder gar tausende von lesern an den entsprechenden stellen innehalten und den richtigen sinn herausfinden müssen. Es zeugt auch von einer beträchtlichen arroganz des schreibers, wenn er diese mühe dem leser überlässt. So dürfen wir darauf vertrauen, dass sich vernünftige neue regeln in stummer übereinkunft herauskristallisieren werden.

Folgen wir der vernunft mit taten!

Folgen wir also - jede und jeder einzelne im eigenen bereich - der einladung Jakob Grimms in seiner einleitung zum "Deutschen Wörterbuch" von 1854 und nehmen wir handelnd abschied vom "albernen gebrauch groszer buchstaben für alle substantiva", der "unförmlich und für das auge beleidigend" sei (zit. nach dem persönlichen skript von prof. dr. Mario Andreotti, S. 5).

Sie, liebe besucherin, lieber besucher dieser homopage, bitte ich, mir Ihre erfahrungen bei der lektüre der texte in "gemässigter kleinschreibung" mitzuteilen. In der seite "Referenzen/kontakt" haben Sie bequem gelegenheit dazu. Die interessantesten meinungsäusserungen werde ich unter "Feedbacks zur Kleinschreibung" (bisher noch leer) publizieren.


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